Vorwort (Leseprobe)

Wie dem Titel des Buches zu entnehmen ist, beschreibt diese Arbeit die Geschichte des Kupfererzbergbaus im Altkreis Wetzlar in dem für einen aktiven Erzabbau urkundlich nachweisbaren Zeitraum von 1607 bis etwa 1855. Wenngleich ältere schriftliche Belege dazu bislang fehlen, kann jedoch davon ausgegangen werden, dass der Beginn dieses Bergbaus weitaus früher anzusetzen ist.

Der Begriff des Altkreises Wetzlar umfasst dabei das Gebiet des Preußischen Landkreises Wetzlar in den Grenzen ab 1822. Als Exklave der preußischen Rheinprovinz bestand dieser mit einigen Veränderungen bis zum 30. September 1932.

Den Anstoß zu dieser Arbeit gaben 2010 Ereignisse auf dem einstigen Roteisensteinbergwerk „Fortuna“ in Solms - Oberbiel bei Wetzlar:

Dieses letzte klassische deutsche Eisenerzbergwerk ist heute eines von nur vier reinen Besucherbergwerken in Deutschland mit tätigem Schachtbetrieb, der sog. „Seilfahrt“, und zugleich das einzige Besucherbergwerk dieser Art in den alten Bundesländern. Es wird zurzeit gemeinsam mit dem benachbarten „Feld- und Grubenbahnmuseum“ des „Fördervereins Besucherbergwerk Fortuna e. V., Solms“ mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und des Lahn-Dill-Kreises, sowie durch zahlreiche Sponsoren aus der Wirtschaft großzügig ausgebaut und unter sicherheitlichen, technischen und museologischen Aspekten modernisiert.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Grube „Fortuna“ ist auch das „Hessische Rohstoffhaus“ projektiert, ein interaktives Großmuseum ähnlich dem „Mathematikum“ in Giessen. Hier werden alle historisch und aktuell in Hessen geförderten mineralischen Rohstoffe und deren Weiterverarbeitung bis zum Endprodukt präsentiert. Hinzu kommt die Darstellung aller Wässer/Mineralwässer, sowie die oberflächennahe Geothermie am eigenen Beispiel der Wärmegewinnung aus dem „Fortuna“-Grubenwasser in Kombination mit Pellet-Heizung zur Beheizung der Zechengebäude.

An „intelligenten Modellen“ soll der Besucher dort alle Prozesse selbst nachvollziehen können.

Diese Planungen wurden mit Fachleuten aus dem Museumsbereich und dem Denkmalschutz besprochen, unter denen sich auch die zuständige Bezirksarchäologin des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege, Dr. Sabine Schade - Lindig, befand. Sie berichtete von einem spektakulären Fund historischer Kupferbarren (sog. „Reißscheiben“, auch „Garstücke“1) im Wald bei Braunfels-Philippstein, den 2008 ein Sondengänger gemacht hatte. Dieser Barrenfund gleicht auffällig einem ganz ähnlichen, bereits 1904 bei Wetzlar-Steindorf entdeckten „Depotfund“2 kupferner Platten.

In dem Zusammenhang schlug sie vor, beide als herausragende Beispiele des Themas „Erzverhüttung“ in die Museumskonzeption des „Hessischen Rohstoffhauses“ auf Grube „Fortuna“ einzufügen. Damals beklagte sie zu Recht „die weithin unbekannte Geschichte des Kupfererzbergbaus im Raum Wetzlar mit seiner Erzförderung und –verhüttung“.

Bild:  Scheiben-Bruchstück
Im Herbst 2012 hatte Dr. Schade-Lindig selbst dem Barrenfund von Philippstein einen Aufsatz gewidmet und ihn darin so charakterisiert:3

„Die in Braunfels geborgenen Reißscheiben stammen aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Überlandtransport – zumindest sind bisher in unmittelbarer Nähe der Fundstelle weder Kupferbergbau noch Saigerhütten bekannt geworden.“  Weiter führte sie aus:

„Durch Analyse der Kupferzusammensetzungen kann die Lagerstätte lokalisiert werden. Liegt diese südlich des Fundortes Braunfels-Philippstein, wäre dies ein Indiz auf eine für den Kupfertransport genutzte Handelsroute nach Norden (…)  Spuren des regionalen Kupferbergbaus sind sowohl um Dillenburg und Haiger als auch bei Ehringshausen anzutreffen. Eine Datierung solcher Eingriffe ist aber nach wie vor sehr schwierig. Entweder sind diese modern überprägt worden oder das Kupfererz wurde obertägig in Pingen und kleinen Schächten abgebaut, ohne chronologisch verwertbare Spuren zu hinterlassen. Aber genau dies sollte zukünftig montanarchäologische Forschungen anspornen, mehr über die Nutzung der reichen Bodenschätze des Lahn-Dill-Gebietes zu erfahren.“

Diese Hinweise haben mich veranlasst, den historischen und chemisch-physikalischen Hintergründen dieser Kupferfunde auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind im Kapitel 2.5. „Die historische Kupfergewinnung in der Schmelzhütte - Die Kupferfunde von Philippstein und Steindorf“ beschrieben.

In der Tat ist die Geschichte des Kupfererzbergbaus im Altkreis Wetzlar bisher ebenso unbearbeitet geblieben wie die des Kupferschmelzwesens. Die wichtigsten Ergebnisse seien daher hier vorweg genommen:

1) Im Altkreis Wetzlar sind insgesamt 44 auf Kupfererz verliehene Grubenfelder nachgewiesen. Dennoch war die Ausbeute dieser Erzlager im Verhältnis zu jenen des nassauischen Dillgebietes recht unbedeutend. Die Kupfererzlagerstätten des Altkreises Wetzlar waren denen des nassauischen Dillgebietes sehr ähnlich, aber kleiner und deshalb von geringerer wirtschaftlicher Bedeutung.

Im Gegensatz zum Dillgebiet, wo bedeutende Kupfererzmittel bis in große Teufen abgebaut wurden, handelte es sich hier aber nur um oberflächennahen Bergbau auf Resten dieser Lagerstätten, also „Erzmittel in der Nähe von Eisensteinlagern, die edel und reich, wenn auch wenig ausgedehnt waren“.4 Dies waren sehr kleine und nesterförmige Vorkommen, die einen dauerhaften Abbau nur in wenigen Fällen ermöglichten. Die hohe Erzgüte wird aber über die historischen Erzanalysen hinaus heute auch bestätigt durch die überlieferten Kupferkiesstufen der Bergwerke bei Berghausen, Daubhausen und Kölschhausen (siehe Bilder….).

2) Mit wechselnder Intensität wurde im Altkreis Wetzlar Kupfererzbergbau in oberen Teufen über einen Zeitraum von mindestens 250 Jahren betrieben, nämlich spätestens von 1607 bei Berghausen bis ca. 1855 bei Kölschhausen. Bergmännischen Tiefbau (über 50 m Teufe) auf Kupfererz hat es im Altkreis Wetzlar nur in bescheidenem Umfang auf den beiden Bergwerken bei Daubhausen und Berghausen gegeben. Insofern ist zu bedauern, dass Prospektionen auf ein Vorhandensein von Kupfererzlagerstätten in großen Teufen – wie im Dillgebiet - hier nie vorgenommen worden sind.

3) Letzte (vergebliche) Versuche, alte Kupfererzbergwerke wieder in Betrieb zu nehmen, gab es im 19. Jahrhundert noch in zwei Fällen:

1858 im Gebiet der einstigen Gruben bei Daubhausen, Berghausen und bei Greifenstein,5  sowie von 1869 bis 1906 mit großen zeitlichen Unterbrechungen auf Grube „Louishoffnung“ bei Berghausen – ebenfalls auf dem Areal der einstigen „Goldtgrube“.

In den 1930er Jahren, als das NS-Regime im Zuge seiner Autarkiebestrebungen versuchte, überall im Deutschen Reich alte Kupfererzbergwerke wieder in Förderung zu bringen, geschah dieses ebenso wie im Dillgebiet auch bei Daubhausen, Kölschhausen, Großaltenstädten usw.

4) Von 1758 bis 1773 bestand eine Kupferschmelze auf der Fürstlich Solms-Braunfelsischen Oberndorfer Hütte. Darüber hinaus konnte die Existenz einer Waldschmiede bei Großaltenstädten nachgewiesen werden, wo noch 1781 und 1878 Schlackenreste mit Reinkupfer-Einschlüssen gefunden wurden.6

Die Quellenlage für diese Arbeit erschien zunächst nicht allzu schwierig. Sehr schnell zeigte sich allerdings, dass hier Pionierarbeit notwendig war: Während zum Eisenerzbergbau im Altkreis Wetzlar – dieser geht zurück auf das Jahr 780 – und seiner Verhüttung eine Fülle historischer Arbeiten mit ebenso umfangreichem Quellenmaterial zu Verfügung steht, fehlt solches für den Kupfererzbergbau und dessen Verhüttung bislang völlig. Es konnte daher auf keinerlei relevante Literatur zurück gegriffen werden.

Der Grund für die bisherige Nichtbeachtung des historischen Kupfererzbergbaus im Altkreis Wetzlar liegt sicher in der deutlich übergeordneten Dimension des einstigen Eisenerzbergbaus in der Region.7

Da der hiesige Kupfererzbergbau nahezu ausschließlich auf den beiden Gebieten der einstigen Grafschaft Solms-Greifenstein bzw. des späteren Fürstentums Solms-Braunfels, sowie im Fürstentum Solms-Hohensolms-Lich stattgefunden hatte, kamen deren Archive als Hauptquellen in Betracht. In der Tat konnten im Fürstlichen Archiv Braunfels zahlreiche relevante Berg- und Hüttenakten gehoben werden. Während dort durchaus umfangreiches Archivmaterial zur geschichtlichen Entwicklung der einzelnen Bergwerke zur Verfügung stand, fehlten hingegen genauere Aufzeichnungen über Erzförderzahlen und Verhüttungsergebnisse. Die hier im Buch dazu gemachten Angaben entstammen daher anderen schriftlichen Quellen im Fürstlichen Archiv Braunfels.

Im Falle des Fürstentums Solms–Hohensolms-Lich war hingegen zu beklagen, dass das historische Archiv des gräflichen Hauses Solms-Hohensolms-Lich heute grundsätzlich nicht zugänglich ist.8 Es mussten also Drittquellen heran gezogen werden. Dabei bildeten die historischen Berechtsams-Akten der Bergaufsicht des Regierungspräsidiums Darmstadt und die laufenden Betriebsakten der Bergaufsicht des Regierungspräsidiums Gießen umfangreiche Arbeitsgrundlagen, allerdings erst für die Zeit ab der Schaffung des „Preußischen Berggeschwornenreviers Wetzlar“ zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Berechtsams-Akten bilden hierbei oft sehr umfangreich die Bergwerksgründung ab, obwohl ein wirklicher Mineralgewinnungsbetrieb später nicht oder nur unwesentlich statt gefunden hat. Im Umkehrschluss gibt es jedoch von einigen Bergwerken nur dünne Berechtsams-Akten bei später ausgiebiger Abbautätigkeit.

Da für die Einsichtnahme in die Berggrundbücher des Amtsgerichts Wetzlar seit einiger Zeit für jede einzelne Akte ein langwieriges Genehmigungsverfahren durch die letzten Eigentümer eingeleitet werden muss, wurde sich auf fünf erkennbar wichtige Fälle beschränkt, bei denen zu erwarten war, dass sie Informationen über diejenigen der Berechtsams-Akten hinaus enthielten. 

Die Firma Barbara Rohstoffbetriebe GmbH in Langenfeld/Rhld. Hingegen stellte als letzte Rechtsnachfolgerin der einstigen Kruppschen Bergwerke bereitwillig ihre relevanten Akten zur Verfügung.

Als erstaunlich wenig ergiebig erwiesen sich hingegen die Archivbestände des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen zum einstigen Oberbergamt Bonn, der einstigen Oberbehörde des Preußischen Bergreviers Wetzlar.9 Hier fanden sich nur wenige Prüfungsakten, und dann auch nur zu Wetzlarer Eisenerzgruben.10

Der Abschluss meiner mehrjährigen Recherchen zu diesem Thema wäre ohne vielfache, freundliche und geduldige Unterstützung nicht zu erreichen gewesen. Mein besonderer Dank gilt deshalb Johannes Graf von Oppersdorff Solms-Braunfels für die großzügige Öffnung seines Historischen Archivs für meine Forschungen. Darüber hinaus ist es mir ein besonderes Bedürfnis, dem ehemaligen Leiter der Fürstlichen Rentkammer Braunfels, Herrn Alfred Friedrich, meinen allerhöchsten Dank auszusprechen. Ohne seine beständige Zuarbeit und Unterstützung meiner Textübertragungen hätte ich den reichen Fundus des Fürstlichen Archivs Braunfels11

aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu den einstmals Solms-Greifenstein’schen, später Solms-Braunfels’schen Kupfererzgruben bei Daubhausen, Berghausen und Kölschhausen, sowie zur fürstlichen Oberndorfer Hütte weder in dieser Form noch im gewünschten Zeitrahmen auswerten können. Damit schuf er mir eine der Hauptgrundlagen für diese Arbeit. Auch gilt ein besonderer Dank Herrn Andreas Hennies, Barbara-Rohstoffbetriebe GmbH in Langenfeld/Rhld., der mir freien Zugang zu den Berechtsams-Akten der Bergwerke der einstigen Harz-Lahn-Bergbau AG und der Barbara Erzbergbau GmbH gewährte.

Herrn Professor Dr. rer.nat. Thomas Kirnbauer in Bochum danke ich sowohl für hilfreiche fachliche Diskussionen zur Lagerstättenkunde und Geologie, als auch für einige textliche Verbesserungen. Herrn Bergassessor des Markscheidewesesn Jobst Knevels, Regierungspräsidium Darmstadt Abt. Bergaufsicht, verdanke ich zahlreiche Hinweise und Erläuterungen zum historischen Markscheidewesen und dem Preußischen Bergrecht im 19. Jahrhundert. Heinrich Janke in Braunfels, Kreis-Bodendenkmalpfleger des Lahn-Dill-Kreises, gab mir bedeutende archäologische Hinweise. Diese führten im Zusammenwirken mit jüngsten Bleiisotopenanalysen des Institutes für Geowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main in Abgleichung mit der geologischen Datenbank von Professor Dr. Thomas Kirnbauer zu einer Korrektur der bisherigen Auffassung zur Herkunft des „Steindorfer Depotfundes von 1904“. Die neuen Erkenntnisse verdienen für die Archäologie im deutschen Fundraum besondere Aufmerksamkeit, und lassen den Kupfererzbergbau im Altkreis Wetzlar in neuem Licht erscheinen.

Dr. rer. nat. Erhard Reitz in Siegbach-Eisemroth lieferte mir Hinweise aus geologischer Sicht und recherchierte unermüdlich in seinem umfangreichen Fundus historischer Fachliteratur zum Kupfererzbergbau im einstigen Fürstentum Dillenburg. Herrn Paul Djalek aus Werdorf verdanke ich Informationen zu den einstigen Kupfererzbergwerken im Raum Asslar.

Glückauf!

Wetzlar, im ……. 2016                                                                  Autogramm

 

  1. Agricola 1977, Elftes Buch, S. 458 ff., bezeichnete diese 1556 auch als „Garstücke“. Vgl. dazu Kapitel 2.2.,  Anm. 100ff.
  2. Der sog. „Steindorfer Depotfund von 1904“. Siehe dazu Kapitel 2.5. „Die Kupferfunde von Philippstein und Steindorf“.
  3. Schade-Lindig, S. 12f.
  4. Kauth, S. 145.
  5. Bergrevierberichte, Bl. 34. Siehe dazu auch Kapitel 1.3., Anm. 69ff.
  6. Siehe Kapitel 6. 1., Anm. ?????
  7. Desgl. ausführlich Kapitel 1.3: „Der hiesiger Kupfererzbergbau im Überblick – Historisch“, Anm. 84.
  8. Auch persönliche Bemühungen von Johannes Graf von Oppersdorff Solms-Braunfels – verwandt mit dem Hause Solms-Lich – der mir exklusiven Zugang zu den Archivunterlagen in Lich verschaffen wollte, blieben 2015 leider erfolglos.
  9. Siehe dazu Kapitel 3.1: „Das Fürstliche Bergregal“.
  10. Nach Mitteilung des Landesarchivs Nordrheinwestfalen vom 9. Oktober 2014.
  11. Hier zitiert: „Braunfels A1“ etc., B1 etc., C1 etc“. Siehe dazu „Erläuterung der Signaturen“ ab S. XXX.